CI4-FrühlingsForum 2018: Bildung und Digitalisierung in reger Diskussion

Spannungsbogen von Grundschulkindern hin zu Fabrikarbeitern

[CI4, 29.04.2018] Das „FrühlingsForum“ des Clusters Industrie 4.0 (CI4) war dem Thema „Arbeit 4.0“ im urbanen Umfeld gewidmet. Als Kooperationsveranstaltung mit dem VDI-Landesverband Berlin-Brandenburg(VDI LV BB), der Deutschen Projekt Akademie sowie der GPB Consulting fand es am 24. April 2018 zu Gast bei der GPB am Spittelmarkt statt.

Clustersprecher Michael Taube übernahm die Begrüßung und Moderation. In seiner anschließenden Keynote ging Jörg Fleischer, Consultant der GPB Consulting GmbH, auf grundsätzliche Fragen der Bildung im Kontext des Lebens in der „Gesellschaft 4.0“ ein. In einem Impulsvortrag wurde das bereits auf dem CI4-Neujahrsempfang ausgestellte Planspiel „Smart Factory – Akteure 4.0“ durch den Zukunftsforscher André Winzer, Geschäftsführer der Schaltzeit GmbH, als eine konkrete Option, die Vorteile der Digitalisierung und Vernetzung im eigenen Betrieb durch Teams der von der Transformation Betroffenen herauszuarbeiten, vorgestellt. Eine rege Diskussion und lebhafte Gespräche bei einem Imbiss schlossen sich an, welche über den geplanten Zeitrahmen hinausgingen. Die CI4-Gründungspartner sehen sich somit bestärkt, zusammen mit den -Akteuren diesen brennenden Themen weiterhin aufmerksame Beachtung zu schenken.

Clustersprecher Taube: Den Mittelstand in den Fokus rücken!

In seiner Begrüßung dankte CI4-Sprecher Michael Taube den Unterstützern, vor allem dem VDI-LV BB und der GPB.
Er lud dazu ein, so noch nicht geschehen, CI4-Akteur zu werden, um dieser Initiative mit Fokus auf dem deutschen Mittelstand mehr Breitenwirkung zu verschaffen. Er sei gerade deshalb vom CI4 als Repräsentant in das Standardisierungsverfahren „Referenzarchitekturmodell Industrie 4.0 (RAMI4.0)“ entsandt worden, um dort dem Mittelstand eine Stimme unter den Vertretern der Großunternehmen zu geben.

Jörg Fleischer (l.) und Moderator Michael Taube (r.)
Foto: Dirk Pinnow

Keynote-Sprecher Jörg Fleischer (l.) und Moderator Michael Taube (r.)

Keynote: „Aus- und Weiterbildung in Zeiten der Digitalisierung“

GPB-Consultant Jörg Fleischer stellte die Frage an den Anfang, welche Auswirkungen die Industrie 4.0 auf die Ausbildung habe bzw. haben müsste. Er begann seine Darstellung bei Schulkindern und leitete anschließend zur Berufswelt Erwachsener über:
Er zeigte zunächst den Videofilm „A Day Made of Glass 2“ – in dieser Zukunftsvision der Firma Corning Inc. auf YouTube werden die Möglichkeiten der allgegenwärtigen Darstellung und Bearbeitung von bebilderten Informationen auf fast jeder Glas-Oberfläche prognostiziert. In dieser Version wird ein möglicher zukünftiger Alltag von Schulkindern beschrieben, deren Lernen durch starke Interaktion und „Augmented Reality“ geprägt sein wird.
Fleischer erzählte, dass er während der Vorführung das Auditorium beobachtet habe und überwiegend ein Lächeln habe feststellen können – bei einem Vortrag vor Lehrkräften mit diesem Video habe er dagegen viel Ablehnung erfahren. Die dargestellte Technik sei zum Teil schon vorhanden, wenn auch noch nicht stark verbreitet, bzw. werde in absehbarer Zeit verfügbar sein. Da stelle sich die Frage nach den so oft beschworenen „Neuen Kompetenzen“ in der Lern- und Arbeitswelt: Die bisherigen Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen müssten ergänzt bzw. verändert werden – durch den kompetenten Umgang mit digitalen Medien! Das jedenfalls fordere die Kultusministerkonferenz (KMK) in ihrer Beschlussfassung vom 8. Dezember 2016, „Bildung in der digitalen Welt“. „Aber: Wer macht‘s?“, fragte Fleischer.
Drei Viertel der Grundschüler hätten Smartphones, aber nur 29 Prozent der Eltern fühlten sich dabei sicher – und 45 Prozent der Kinder bekämen keine Anleitung. Bei Betrachtung des Status quo falle auf, dass BYOD („bring your own device“) heute Standard sei. Zudem gebe es an den Schulen einige „Leichtturmlehrkräfte“, welche mit Insellösungen arbeiteten und mediendidaktische Konzepte im Alleingange erstellten.
Die KMK habe folgende Handlungsfelder identifiziert: Aus- und Weiterbildung für Erzieher und Lehrer sowie die Infrastruktur und Ausstattung. Die Schulbuchverlage immerhin stellten sich trotz problematischer rechtlicher und funktionaler Rahmenbedingungen allmählich um.
Fleischer empfahl einen Blick über die Grenze – in Österreich habe man vorbildlich für die „Schule 4.0“ vier Säulen definiert: Digitale Grundbildung ab der Volksschule mit kompetenten Lehrkräften, ferner die Infrastruktur und IT-Ausstattung sowie digitale Lerntools. Immerhin gebe es in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) ein Drei-Säulen-Modell für die „Berufsausbildung 4.0“: Es sei eine Analyse der bestehenden Berufe erforderlich, um die notwendigen Veränderungen zu definieren – Berufsscreening, Medienkompetenz und Fachkräftebedarf seien die Eckpfeiler der notwendigen Transformation.
Die Unternehmen seien die treibenden Kräfte hinter der verstärkten Einführung von „Wearables“ in der „Weiterbildung 4.0“ – natürlich würden auch Datenschutzprobleme bei der Erfassung im großen Stil im Berufsalltag bestehen. Zum Abschluss zeigte Fleischer noch das YouTube-Video „A Day Made of Glass… Made possible by Corning.“, welcher den künftigen Alltag aus Sicht der Eltern beschreibt. Er prognostizierte eine „Auflösung der traditionellen Rollen im Berufsleben, der Trennung von Berufsleben und privatem Leben“ – die Lebenszeit in der Zukunft werde unterbrochen durch Arbeitszeit und Weiterbildung.

Impuls „Planspiel ,Smart Factory‘ – Akteure 4.0“

Schaltzeit Geschäftsführer André Winzer gab in seinem Impuls einen Überblick über „Smart Factory – Akteure 4.0“, ein Planspiel für „Mitarbeiter der Fabrik der Zukunft“.
Laut Winzer gehen wir einer Zukunft entgegen, in der Daten bedeutender als Geld sein werden. Man macht sich auch schon Gedanken, wie wir einst mit „Aliens“ kommunizieren könnten – im Prinzip tun wir dies bereits, wenn man an die Stelle der Außerirdischen sogenannte Cyberphysische Systeme (CPS) setzt.
Geschäftsmodelle veränderten sich rasant, so Winzer. Die „Datenflut“ indes könne zu einer Diskriminierung führen, hinterließen wir doch überall Datenspuren. Uns umgebe mehr und mehr ein „personalisierter Raum“, in dem gar Vereinsamung drohe sowie eine förmliche Sucht nach immer mehr Information. Er warnte vor einer „Filterblase“, in welcher wir die Umwelt nur noch als ein „Substrat“ wahrnehmen.
Dieses alles vorausgeschickt, sei es schwierig die Frage zu beantworten, was für die Digitalisierung z.B. eines Unternehmens alles relevant sei. Das Planspiel „Smart Factory‘ – Akteure 4.0“ sei bewusst analog angelegt worden, um Teams von potenziell betroffenen Mitarbeitern eines Unternehmens die Möglichkeit zu geben, gemeinsam die Vorteile einer zumindest partiellen Transformation ihrer Arbeitsplätze ungestört gemeinsam zu erarbeiten.
Hintergrund des Planspiels sei der 6. Kondratjew-Zyklus und der sogenannte Pinguin-Effekt (hungrige Pinguine verharren an Land oder auf einer Eisscholle, anstatt ins Wasser zu springen und nach Nahrung zu suchen, weil im Wasser potenzielle Fressfeinde lauern könnten – sobald aber das erste Tier den Sprung ins Wasser gewagt hat, kann die Gefahr besser abgeschätzt werden). Wohl werde zuweilen die Position eines „Chief Digital Officer“ (CDO) eingerichtet, aber der Mensch mit seiner Angst und seinem Beharrungsvermögen unterschätzt. Management auf der Basis von Angst vor Veränderung demotiviere – man müsse eine positive Zukunftsstimmung („Es wird besser!“) schaffen. Er empfahl die „Blue Ocean Strategy“, d.h. neue Märkte zu schaffen, der Konkurrenz auszuweichen und neue Nachfrage zu erschließen u.a.
Das vorliegende Planspiel sei das Ergebnis einer 18 Monate währenden Entwicklungsarbeit. Erklärtes Ziel sei es, Ängste abzubauen. Als Szenario habe man sich eine traditionelle Schuhfabrik ausgesucht: Es gehe darum, 1. die Digitalisierung zu verstehen, sie 2. zu initialisieren und 3. zu gestalten – zusammengefasst gehe es darum, die Digitalisierung zu entfachen.

Weitere Informationen zum Thema:

Corning Incorporated auf YoutTube, 03.02.2012

A Day Made of Glass 2: Unpacked. The Story Behind Corning’s Vision. (2012)

KULTUSMINISTERKONFERENZ, 08.12.2016
Strategie der Kultusministerkonferenz / „Bildung in der digitalen Welt“

BMBWF, 06.04.2018
Schule 4.0. – jetzt wird’s digital

Bundesministerium für Bildung und Forschung, April 2016
Berufsbildung 4.0 – Fachkräftequalifikationen und Kompetenzen für die digitalisierte Arbeit von morgen

schaltzeit, 20.09.2017
AKTEURE 4.0 – PLANSPIEL FÜR MITARBEITER DER FABRIK DER ZUKUNFT

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